Alt, ungebildet, arbeitslos

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Fast zwei Millionen Langzeitarbeitslose haben kaum noch Chancen auf eine Rückkehr in den Arbeitsmarkt

von Stefan von Borstel

In Deutschland geht die Angst um. Es ist die Angst vor der Arbeitslosigkeit. Seitdem die Zahl der registrierten Arbeitslosen über die Fünfmillionenmarke geklettert ist, Walter Bau Konkurs anmelden mußte und ein Unternehmen nach dem anderen trotz hoher Gewinne Stellenstreichungen verkündet, fragen sich viele: Wie sicher ist mein Job noch? Wie groß ist die Gefahr, über Jahre in der Arbeitslosigkeit zu versinken?

35 Prozent oder rund 1,8 Millionen der fünf Millionen Arbeitslosen sind "Langzeitarbeitslose", die länger als ein Jahr ohne Arbeitsplatz waren. Hinter diesen 1,8 Millionen Menschen stehen 1,8 Millionen Gründe für die Arbeitslosigkeit: Der Industriearbeiter, der mit 55 entlassen wurde. Die alleinerziehende Mutter, die nie einen Beruf gelernt hat. Der junge Ausländer, der nie einen Schulabschluß geschafft hat. Die ostdeutsche Facharbeiterin, die nach der Wende nie wieder einen regulären Job bekam - dafür aber eine "Arbeitslosenkarriere" mit Weiterbildungskursen, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Bewerbertrainings absolvierte. In Ostdeutschland versprach man den Arbeitslosen nach dem Zusammenbruch der DDR-Kombinate, nach einer kurzen Übergangszeit würden neue Jobs entstehen. Viele von ihnen warten heute noch. Für alle Arbeitslosen gilt: Mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit sinken die Vermittlungschancen. Das berufliche Know-how geht verloren, Arbeitgeber werden immer skeptischer. Absagen bei der Jobsuche führen zu Motivationsverlust und schließlich zu Resignation.

"Den "typischen" Langzeitarbeitslosen", sagt Holger Schäfer, Arbeitsmarktexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, "gibt es nicht". Aber es fallen doch zwei große Gruppen unter den Langzeitarbeitslosen auf: Die Älteren und die schlecht Ausgebildeten. Jeder vierte Arbeitslose ist älter als 50, im Bundesdurchschnitt hat jeder dritte nie einen Beruf erlernt und gilt als "geringqualifiziert". Unter den Langzeitarbeitslosen liegen ihre Anteile noch höher. "Je höher die Qualifikation, desto niedriger die Arbeitslosenquote", sagt Schäfer: So liegt die Quote bei Hochschulabsolventen unter fünf Prozent. Ohne Berufsabschluß schnellt die Quote auf über 20 Prozent hoch. In Ostdeutschland ist sogar jeder zweite ohne Abschluß arbeitslos.

Gleich von zwei Seiten werden die Geringqualifizierten am Arbeitsmarkt in die Zange genommen. Zum einen gibt es für sie immer weniger Jobs, zum anderen lohnt es sich für sie auch kaum, eine Arbeit anzunehmen. So bietet die Industrie immer weniger einfache Tätigkeiten an. Jahrelang drängten die Gewerkschaften in den Tarifverhandlungen auf kräftige Erhöhungen in den untersten Lohngruppen. Die Folge: Maschinen oder billigere Standorte im Ausland verdrängten die einfache Arbeit. Selbst in konjunkturell guten Zeiten sank der Beschäftigungsstand der Geringqualifizierten. Zwischen 1975 und 2002 halbierte er sich, obwohl das Bruttoinlandsprodukt um 60 Prozent zunahm. Deshalb ist auch die Hoffnung trügerisch, die Konjunktur müsse nur richtig anspringen, damit auch die schlechtausgebildeten Arbeitslosen wieder in Lohn und Brot kommen. Zumal sich reguläre Arbeit für die Geringqualifizierten vielfach schlicht nicht lohnt. Mit der Stütze des Sozialstaats stellen sie sich oft besser. So rechnete der Sachverständigenrat vor, daß ein Alleinstehender auf ein Bruttoeinkommen von 1200 Euro - ein Familienvater mit Kind sogar auf 1600 Euro - kommen muß, damit er genauso viel in der Tasche hat wie mit Arbeitslosengeld II und einem Zusatzjob für 1,50 Euro in der Stunde. Für Arbeitnehmer ohne Berufsausbildung sind diese Marktlöhne aber nicht zu erzielen. Sie stecken in der "Sozialstaatsfalle".
Auch für die zweite große Gruppe unter den Langzeitarbeitslosen - die Älteren - ist es oft nicht verlockend, wieder einen Job anzunehmen. Sie erhalten immer noch länger Arbeitslosengeld als jüngere Arbeitslose, maximal sogar 36 Monate. Oft haben sie nach langen Jahren im Betrieb auch gut verdient - entsprechend hoch ist ihr Arbeitslosengeld. Bei einer Wiedereinstellung müßten sie Abschläge hinnehmen. Das ist wenig attraktiv. Lange Zeit war ein Wiedereinstieg der Älteren auch gar nicht erwünscht: Sie sollten den Jüngeren Platz im Arbeitsleben machen - dieses Paradigma aus den neunziger Jahren wirkt in vielen Personalabteilungen jetzt noch nach. Wer über 50 ist, hat auf dem Arbeitsmarkt kaum eine Chance.

Zum Alter kommen nach langen Jahren der Arbeitslosigkeit oft Krankheiten hinzu. In der offiziellen Statistik hat rund ein Viertel der Arbeitslosen "vermittlungsrelevante gesundheitliche Einschränkungen", so heißt es in einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Nach den Erkrankungen des Muskel-Skelettsystems wurden am häufigsten "psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen" diagnostiziert, die durch lange Arbeitslosigkeit verschlimmert werden können.

Als Königsweg gegen die Langzeitarbeitslosigkeit galt lange Zeit die Weiterbildung. Wer gering qualifiziert ist, muß eben qualifiziert werden, so die Devise. Doch nicht jeder arbeitslose Hilfsarbeiter läßt sich zum Computerexperten umschulen. "Das Geld wurde in den meisten Fällen in den Sand gesetzt", konstatiert das IW. Nur ein Drittel der Teilnehmer an Weiterbildungsmaßnahmen fand im Anschluß einen Job. Mit Florian Gerster an der BA-Spitze wurden die Ausgaben für Weiterbildung deutlich gekürzt.

Mit Hartz IV heißt das Zauberwort nun "Ein-Euro-Job". Diese gemeinnützigen Arbeitsgelegenheiten, so heißt es in einem Kompendium der Bundesagentur für Arbeit, zielen auf "Erhalt und Wiederherstellung der Beschäftigungsfähigkeit und Motivation (Anwesenheit, Pünktlichkeit, Spaß an der Arbeit etc.)". Schrittweise soll die "individuelle Belastbarkeit und Produktivität" gesteigert werden. In einzelnen Kommunen ist es so gelungen, ein Viertel bis zur Hälfte der betreuten Arbeitslosen wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Das könnte im Bund auch klappen, sagen Optimisten. Was dafür noch fehlt, sind allerdings genügend Arbeitsplätze.  

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