Albträume vor Minderheitendasein

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eröffnet am: 27.02.06 11:17 von: quantas Anzahl Beiträge: 16
neuester Beitrag: 27.02.06 23:39 von: Rigomax Leser gesamt: 545
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15292 Postings, 5654 Tage quantasAlbträume vor Minderheitendasein

Albträume vom Minderheitendasein im eigenen Land

Deutsche Sorgen, türkischer Nationalismus und Botho Strauss als Soziologe der Weltgesellschaft

Die Furcht vor Überfremdung treibt Blüten in Deutschland. Weisen muslimische «Parallelgesellschaften» die Zukunft? Erweckungserlebnisse sorgen unter Beobachtern für kulturkämpferisches Grübeln.

Wohin er sich dieser Tage auch wendet, nach den Schwänen auf Rügen oder den Bewohnern von Berlin-Neukölln, bang fällt des Apokalyptikers Blick auf die Migranten. Entweder die Deutschen sterben demnächst alle an der Vogelgrippe. Oder aber es kommt so böse, wie die Warner vor islamischer Fremdherrschaft meinen. Opfer von Zuwanderung - der gefiederten aus der Luft oder der menschlichen - wäre Deutschland in beiden Fällen. Sollten also brave Teutonen verschont bleiben von der absehbaren Verwandlung des Virus H5N1 ins Pandemische, wird es ihnen über kurz oder lang ergehen wie Asterix in Gallien: Während ganz Deutschland von gebärfreudigen Muslimen besetzt ist, halten die schrumpfenden Reste der autochthonen Bevölkerung auf den Dörfern die Stellung. In den Metropolen mögen sich hier und da einige «deutsche Viertel» ausmachen lassen, in denen die Sprache Goethes noch nicht verklungen, der Geist des Grundgesetzes noch nicht der Scharia gewichen und nicht jede christliche Kirche in eine Moschee verwandelt ist. Ein Leben in Parallelgesellschaften wäre das dann, ähnlich dem, wovor Provinz- und Bundespolitiker im multikulturellen Berlin schon um die Jahrtausendwende warnten. Nur dass es künftig nicht die Ausländer zur Ghettobildung triebe, sondern Alteingesessene. Finis Germaniae.

Parolen und Ängste

Schade, dass wir nicht die Gaben eines Jonathan Swift besitzen, um dieses Szenario sarkastisch auszumalen. Satire böte keine schlechte Tinte, um den zurzeit verstärkt ausgerufenen «Kampf der Kulturen» hineinzutunken. Andererseits liefe die Überzeichnung Gefahr, für bare Münze genommen zu werden. Schliesslich ist man ja auch vielfach bereit, die aggressiven Parolen islamistischer Wirrköpfe als repräsentative Meinungsäusserungen der muslimischen Welt anzusehen. Auf den Websites der ums deutschnationale Wohl besorgten Autochthonen fungieren jene Parolen als Beleg dafür, wie begründet die eigenen Ängste sind. Nachrichten von Katholiken aus einer Gemeinde in Duisburg, denen türkische Gläubige die andere Strassenseite gewiesen haben sollen, da der Bürgersteig vor der örtlichen Moschee islamisches Territorium sei, wechseln sich ab mit zitierten Drohungen des Schlages «Wir gebären euch kaputt», angeblich geäussert von Damen mit Kopftuch. - Zur Minderheit im eigenen Land zu werden, verheisst einen Schrecken ohne Trost, denn bei diesem Heimatverlust stirbt auch die Hoffnung, irgendwann zurückkehren zu können - eine Illusion, die ein Migrant immerhin noch hegen mag.

Aufgeschreckt durch ein Erlebnis mit seinem Sohn, den junge Türken beim Fussballspielen ein «Christenschwein» gerufen haben, hat Botho Strauss kürzlich im «Spiegel» den Heimatverlust gleichsam als Zangenbewegung beschrieben: Zum einen werde der «zur Mehrheit tendierende Anteil der muslimischen Bevölkerung von Amsterdam und anderen Metropolen» eine Kraft, welche «unsere Toleranz bald nicht mehr» brauche. Zum anderen mache die profane Moderne aus Menschen wie seinem christlichen und heimatverbundenen Sohn ohnehin eine Minderheit. «Es wird ihm», schreibt Strauss, «sein inneres Hab und Gut eher streitig gemacht von den Zwängen der Anpassung, der Vorteilssucht und des Karrieredenkens als von den Strenggläubigen des Propheten.»

Gegenüber der funktionalistischen, typisch westlichen Entheiligung der Welt hat die islamische Orthodoxie ihre Vorzüge - auf diese Pointe bei Botho Strauss wird noch zurückzukommen sein. Vorher aber sei zur Abrundung des Bildes, das die deutsche Kulturkonflikt-Debatte zurzeit bietet, der türkische Film «Tal der Wölfe» eingeschoben. In Deutschland beschert der Streifen manchem Feuilletonisten das Nämliche, was schon dem Kulturelegiker Strauss widerfuhr: ein Erweckungserlebnis. Dafür sorgen anstelle der «Christenschwein» rufenden Jugendlichen auf dem Fussballplatz nun türkische Familien im Kino, die jubelnd die Erdolchung eines imperialistischen Amerikaners gutheissen, antisemitischen Klischees frönen und dem türkischen Nationalismus die Zügel schiessen lassen. Düster sinnierte ein «FAZ»-Redaktor unter dem Eindruck des Kinobesuchs, «welche Integrationsprobleme ich und all die viel Jüngeren in Berlin (und nicht nur in Berlin) in einigen Jahrzehnten bekommen».

Soziologische Provokation

In den Abgesängen auf den Multikulturalismus bricht eine Wut auf, die Migranten «endlich» einmal Mores zu lehren, nachdem man laut eigener Einschätzung bis anhin stets Laisser-faire hat walten lassen. Hier klingt die Stimme einer Pädagogik durch, die auf anderem Terrain, dem der Familie und der Schule, seit geraumer Zeit das Grenzensetzen predigt. Botho Strauss pflegt andere Töne. Wenn bei ihm im Konflikt der Werte die westliche Gesellschaft zu unterliegen droht, dann nicht, weil es ihr an Härte fehlt, sondern an Geist, Traditionsstolz, Religion, Emphase, sozialer Wärme. Der Islam erscheint ihm als Mekka der Bindungskräfte, und die als Parallelgesellschaft geschmähte muslimische Enklave in europäischen Grossstädten nennt er eine «Vorbereitungsgesellschaft» und schreibt: «Sie lehrt uns andere, die wir von Staat, Gesellschaft, Öffentlichkeit abhängiger sind als von der eigenen Familie, den Nicht-Zerfall, die Nicht-Gleich- Gültigkeit, die Regulierung der Worte, die Hierarchien der sozialen Verantwortung, den Zusammenhalt in Not und Bedrängnis.»

Vorbereitung verweist auf Zukunft. Allein schon terminologisch erhebt Strauss die islamische Gesellschaft zum wegweisenden Modell. Das ist nicht nur eine publizistische, das ist eine soziologische Provokation. Für Systemtheoretiker im Gefolge Niklas Luhmanns hiesse das: Sie müssten ihre Vorstellung von «Weltgesellschaft» gravierend modifizieren, wenn nicht verwerfen. Als weltgesellschaftliche Trends auf der Basis globaler Kommunikation und funktionaler Differenzierung gelten: Auflösung familiärer Produktion, Abhängigkeit des Lebens von Technik, Übertragung von Erziehung und Ausbildung auf Schulen und Universitäten, Verflechtung internationaler Organisationen, Industrialisierung und Verstädterung, um nur einiges zu nennen. Der Soziologe Rudolf Stichweh, ein entschiedener Vertreter des Konzepts «Weltgesellschaft», nennt überdies als kulturelle Komponenten die Idee der Menschenrechte und die Anerkennung kultureller Verschiedenheit. Umso wichtiger werde es in der Weltgesellschaft, «dass Kulturen nicht aggressiv-missionierend auftreten», andernfalls sei ihnen eine Führungsrolle versagt.

Islamischer Fundamentalismus käme in einem solchen Konzept allenfalls als Nachtseite der Weltgesellschaft unter, nicht als Modell. Doch könnte sich nicht vielleicht ein moderater Islam dem Universalgesetz der funktionalen Differenzierung fügen und gleichwohl seine Bindungswärme erhalten? Oder lässt, und das wäre der Ausbruch aus dem Stahlgehäuse der Moderne, ganz im Gegenteil seine soziale Temperatur den weltgesellschaftlichen Funktionalismus schmelzen? Man muss wohl Dramatiker statt Soziologe sein, um solches zu imaginieren.

Joachim Güntner

 
 
 

http://www.nzz.ch/2006/02/27/fe/articleDM8M0.html

 
 

27.02.06 13:25

8022 Postings, 6409 Tage RigomaxInteressante Aspekte. Zum Beispiel

"Wenn bei ihm im Konflikt der Werte die westliche Gesellschaft zu unterliegen droht, dann nicht, weil es ihr an Härte fehlt, sondern an Geist, Traditionsstolz, Religion, Emphase, sozialer Wärme. "

Wahr gesprochen.  

27.02.06 13:39

21799 Postings, 7608 Tage Karlchen_IJepp - fast alles Sekundärtugenden. o. T.

27.02.06 14:14

8022 Postings, 6409 Tage RigomaxNa ja, selbst wenn: Man darf ja nun

nicht beliebig anspruchsvoll sein. Und Sekundärtugenden sind schon mal besser als gar keine. Hast Du was gegen Sekundärtugenden?

Und sag mir doch mal, was Du denn für die davon abzugrenzenden Primärtugenden hältst.

Um es Dir unnötige Schreibarbeit zu ersparen: Deine Antipathie gegen die Religion brauchst Du nicht nochmal darzulegen. Die kenne ich.
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Nun im Ernst: Die Grundtendenz der von mir in #2 zitierten Aussage ist doch, daß Härte kein Selbstzweck und keine Rechtfertigung in sich ist. Sie muß begründbar sein gegenüber anderen und auch gegenüber sich selbst. Das kann sie aber nur, wenn man sich über das, was man mit dieser Härte erreichen oder verteidigen will, im Klaren ist. Und daran fehlt es eben in unserer Gesellschaft. Womit wir bei der Wertediskussion wären.

 

27.02.06 14:22
1

21799 Postings, 7608 Tage Karlchen_IDoch - man muss anspruchsvoll sein. Sehr sogar.

Etwa was die Meinungsfreiheit, die Freiheit vor Willkür und Gewalt, die Unterdrückung beispielsweise bestimmter Personengruppen, den Schutz des Lebens und der körperlichen Unversehrtheit anbelangt.  

27.02.06 14:29

8022 Postings, 6409 Tage RigomaxKarlchen: Kein Widerspruch. Das entwertet aber

nicht das, was Du als Sekundärtugenden bezeichnest.  

27.02.06 14:35
3

21799 Postings, 7608 Tage Karlchen_IAber natürlich, denn wenn

"Traditionsstolz, Religion, Emphase, soziale Wärme" an die erste Stelle rücken, wird das nur Murks. Dann bleibt für primäre Menschenrechte kein Raum mehr.  

27.02.06 14:38

69017 Postings, 6173 Tage BarCodeUnd warum steht das in Widerspruch zueinander?

M.E. stehen "Traditionsstolz, Religion, Emphase, soziale Wärme" auf einer völlig anderen Werteskala als die von dir, karlchen, angeführten Menschenrechte.

 

Gruß BarCode

 

27.02.06 14:49

21799 Postings, 7608 Tage Karlchen_IDas mag bei dir so sein.

Aber nehmen wir etwa den strengen Islam - da stehen sie ganz oben auf der Skala, und der Rest folgt, wenn überhaupt.  

27.02.06 14:56

8022 Postings, 6409 Tage RigomaxAber wieso bleibt dann (wenn man die

von Dir als Sekundärtugenden apostrophierten Werte als solche akzeptiert) "für primäre Menschenrechte kein Raum mehr"? Selbst wenn das anderswo so wäre, muß das doch bei uns nicht zwangsläufig auch so sein, oder?  

27.02.06 15:03

69017 Postings, 6173 Tage BarCodeDer "strenge Islam"

geht mir soweit an der Rückseite vorbei, dass ich mir von ihm nicht meine Werteskalen diktieren oder beeinflussen lasse - weder affirmativ noch abgrenzend.
Jedenfalls ist klar, dass auch Menschenrechte wenig Chancen haben, wenn in einer Gesellschaft jeder des anderen Wolf ist und es keinerlei Rückbindung an gemeinsame Werte und an Solidarität mit der Gemeinschaft gibt.

 

Gruß BarCode

 

27.02.06 15:09

21799 Postings, 7608 Tage Karlchen_IDoch Rigomax - @BarCode

sowas hatten wir schon vor nicht allzu langer Zeit. Da musste nur Religion durch Rassenwahn ersetzen (was ja auch so eine Art strenge Religion war, jedenfalls fühlte man sich Anderen überlegen und hatte seinen Führer, dem man folgte).


Natürlich sehe ich auch, dass etwa Solidarität wichtig ist, aber eben nicht vor Freiheit - und mit ihr zusammen.  

27.02.06 15:35

69017 Postings, 6173 Tage BarCodekarlchen...

Alle Schimmel sind Pferde usw.
Nur weil auch autoritäre Systeme ohne solche sozialen Werte als Bindemittel (oder auch zur Übertünchung realer Widersprüche) nicht auskommen, ist daraus noch kein Beweis erbracht, dass eine demokratische Gesellschaft ohne diese Werte auskommen muss. M.E. brauchen gerade Menschenrechte, also Rechte des Individuums, eine starke soziale Basis, also "Emphase und soziale Wärme". Und diese günden sich (u.a.) auch auf gemeinsame Traditionen von Werten weltlicher und/oder religiöser Art. Die Vorstellung, wir könnten uns als Individuen aus dem Nichts heraus eigene Werte schaffen, wäre nur fundamental-religiös zu begründen.
Um nochmal auf meinen obigen Einwand zurückzukommen, dass wir hier von recht unterschiedliche Skalen sprechen: Die Menschenrechte sind für mich höchste rationale Werte des Respektes gegenüber jedem einzelnen Menschen.
"Traditionsstolz, Religion, Emphase, soziale Wärme" sind eher so etwas wie die emotionale Basis, auf der Respekt gedeihen kann, aber nicht muss.
Und worauf Botho Strauß wohl hinweisen wollte: dass diese emotionale Basis am wegbrechen ist, wenn er (über seinen Sohn) sagt:

«Es wird ihm sein inneres Hab und Gut eher streitig gemacht von den Zwängen der Anpassung, der Vorteilssucht und des Karrieredenkens als von den Strenggläubigen des Propheten.»

 

Gruß BarCode

 

27.02.06 16:07

8022 Postings, 6409 Tage RigomaxKarlchen (#12): Das hat doch keiner behauptet.

(2. Absatz).
Man kann Prioritäten natürlich verschieden setzen. Ich widerspreche noch nicht mal Deinen Prioritäten. Aber ich widerspreche Dir, wenn Du das, was Du da als Sekundärtugenden bezeichnest, komplett ausschließen willst aus dem Bereich des Wünschenswerten.

Und ich bin nun wirklich kein Vetrteter der Volksheim-Ideologie oder in welcher Verkleidung auch immer der Sozialismus daherkommt.
 

27.02.06 17:18

21799 Postings, 7608 Tage Karlchen_I@Rigomax @BarCode

Damit da keine Missverständnisse entstehen - ich will sowas wie Emphase (eigentlich ne schwierige Kategorie), Solidarität, soziale Wärme, Mitmenschlichkeit, oder von mir aus auch Religiosität überhaupt nicht ausschließen. Worüber wir diskutieren ist doch, wie wir all das in einen Einklang mit Freiheit etwa der Meinung, der Nichtdiskriminierung von Personen etc. bringen. Hier türmen sich doch immense Spannungsverhältnisse auf. Darum geht es mir.

Nur mal ein Beispiel: Wenn wir Solidarität mit totaler Einkommensumverteilung gleichsetzen, dann ist die Freiheit gefangen. Setzen wir auf totale Freiheit, dann kann man Solidarität vergessen - die gibt es dann nicht mehr.

Das Problem besteht in der Austarierung.


Und - weil wir hier in einem Börsenboard sind: Im Westen wurde zwar weitgehend der alte Gott abgeschafft, aber der wurde sukzessive durch einen neuen ersetzt. Der heißt nun nicht mehr Jahwe, sondern Profit - auf Teufel komm raus.  

27.02.06 23:39

8022 Postings, 6409 Tage RigomaxNa also. Friede, Freude, Eierkuchen.

Warum haben wir uns eigentlich so eifrig gestritten? Hätten wir das nicht früher haben können?

Nun ja, die undifferenzierte Darstellung im letzten Absatz von #15 könnte eine neue Diskussion heraufbeschwören. Aber ich weiß ja, daß Deine Vorstellungen von der Religion sehr speziell sind. Die waren aber nicht Gegenstand der bisherigen Diskussion dieses Threads. Also sollten wir das Thema hier auch nicht vertiefen. Nicht in diesem Zusammenhang. Und nicht zu dieser Stunde.

Gute Nacht.  

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