Achim

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eröffnet am: 23.08.05 15:52 von: vega2000 Anzahl Beiträge: 1
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23.08.05 15:52

Clubmitglied, 44351 Postings, 7319 Tage vega2000Achim

ACHILLES' VERSE

Aus der Hose lugt die Otternase

Von Achim Achilles

Gewiss, Laufen ist gut für den Körper und die Seele. Aber Achim hat festgestellt, dass sich die Eintönigkeit dieser Bewegung auch nachteilig auf die Sinne auswirken kann. Nicht nur das. Sogar manche Körperteile gehen nach einer gewissen Zeit in eine Art Emigration.

Äthiopische Lauflegende Haile Gebrselassie: Singen bei längeren Strecken
Letztendlich dreht sich bei unserem schönen Laufsport ja alles ums Blut. Viel muss es sein, dünnflüssig auch und reichlich gute Sachen müssen drin schwimmen. Aminosäuren zum Beispiel und genug Eisen. Das Blut ist allerdings auch ein scheues Reh. Es neigt dazu, sich bei längerer Aktivität in irgendwelche geheimnisvollen Ecken des Körpers zurückzuziehen.

Aus dem Kopf verschwindet es zum Beispiel ziemlich schnell. Deswegen gucken Läufer nach einer Stunde durchweg grenzdebil. Manche grinsen dümmlich, andere gucken wie Herbert Wehner oder machen komische Geräusche. Klaus-Heinrich sagt, ihm fallen dann immer Lateinaufgaben von früher ein: die e-Konjugation, wenn es die überhaupt gibt und unregelmäßige Verben: War "texi" nun das Perfekt von "tegere"?

Jaja, okay, Läufer spinnen. Schon klar. Ich auch. Bei längeren Strecken fange ich an zu singen. Das heißt, nicht ich, sondern irgendwas in mir. Es singt mich einfach, ohne dass ich darauf Einfluss hätte, zum Glück lautlos, gedachter Gesang eben. Meistens geht es los mit "Running on empty", von Jackson Browne. Leider ist "Es" nicht textsicher. Ich auch nicht. Deswegen belassen wir es beim Refrain: Running on empty, running on, running blind, running on, running into the sun, but I'm running behind. Unglaublich, wie oft man so einen blöden Refrain vor sich hin singen kann.

Carl Orff war Jogger

Wenn dann auch der letzte Tropfen Blut aus dem Hirn gewichen ist, donnert "Carmina Burana" los, immer nur die Stelle aus "O Fortuna", wenn das Auftaktgeschrei des Chors verklungen ist und das Gewisper anfängt, das dann immer lauter wird, diese Endlosschleife der 15 Takte: Nöffnöff-nöffnöff---nöffnöff-nöffnöff --- nöffnöffnööffnöööffnööffnöffnöff und so weiter. Geiler Takt zum Laufen, könnte Stunden so gehen. Carl Orff war Jogger, jede Wette.

Irgendwann fängt es dann in den Händen an zu kribbeln. Ich mache ein paar Mal eine Faust, dann ist das Gefühl ganz raus aus den Vorderläufen. Fühlt sich an wie Reinhold Messner am Mount Everest. Bange Blicke. Wird schon was schwarz? Hing der kleine Finger immer so lasch da rum? Kleiner Finger, das ist eine gute Überleitung. Das Blut hat sich also praktisch komplett aus dem Oberkörper verabschiedet, bis auf die eine dicke Pipeline von der Lunge übers Herz in die Beine.

Achim Achilles ist einer von über zehn Millionen Freizeitsportlern in Deutschland. Er ist nicht mehr ganz jung, nicht mehr ganz schlank, nicht mehr ganz fit. Früher war er gut trainiert. Dann kam der Job, die Familie, der Rotwein. Jetzt fängt er wieder an zu laufen. Nicht weil er es mag, sondern weil er die Sticheleien seiner Frau Mona nicht länger erträgt. Das Gerede vom Spaß am Laufen macht Achim nicht mit. Laufen ist für ihn wie Zahnarzt, man kommt nicht drum herum. Sein Traum: der Ironman auf Hawaii. Leider ist der Weg dorthin beschwerlich. Von seinem Training spürt er nur mordsmäßigen Hunger. Achim lässt SPIEGEL ONLINE an seinen Läufen teilhaben. Er schreibt Tagebuch - jede Woche ein neues Kapitel.
Interessant daran ist, dass diese Pipeline nicht das kleinste Körperteil auf seinem Weg nach unten mitversorgt. Es wäre ja ein Leichtes, ungefähr dort, wo die Beine oben miteinander befestigt sind, ein paar Milliliter abzuzweigen, um vitale Funktionen, sagen wir mal, die Fortpflanzungsorgane, noch ein bisschen mitzuversorgen. Die Natur will sich doch sonst auch immer vermehren, Arterhaltung und so. Aber nicht bei mir. Oder generell bei Läufern nicht. Die sollen sich besser nicht vermehren, hat die Natur offenbar entschieden.

Womit wir mal wieder bei einem Tabuthema wären. Warum zum Teufel guckt dort, wo beim Start vor einer Stunde noch ein mittelprächtiges westeuropäisches Gemächt an den Hüftknochen klatschte, warum also schaut dort nach einer Stunde Laufen nur noch eine Otternase hervor, eine elende Schrumpfgurke, kaum mehr als männlicher Stolz zu erkennen? Will man sich irgendwo diskret an einen Baum stellen, hat man ein Problem, das Ding überhaupt zu fassen zu kriegen. Balletttänzer sollen sich einst eine Hasenpfote in ihre engen Hosen gestopft haben. Ehrlich, bei mir wäre Platz für einen ganzen Hasen.


Erschöpfte Marathonläufer in Helsinki: "Geh duschen"
Wenn ich nach Hause komme, drücke ich mich immer ganz schnell an Mona vorbei. Zum Glück hat sie wenig Lust, einen Mann anzufassen, der mehrere Ringablagerungen Salzkristalle auf seinem Heldenleib trägt und riecht wie ein Mufflon. "Geh duschen!", befiehlt sie. Nichts lieber als das, Schatz. Das warme Wasser erweckt den kleinen Achim langsam, sehr langsam, wieder zum Leben. Ob das gesund ist, diese dauernde Schrumpfkur? Wenn wir früher Schielwettbewerbe ausgetragen haben, hat meine Mutter immer gesagt, wir sollen aufhören, sonst bleiben die Augen so stehen. Was wäre, wenn..., also, äh - nicht auszudenken. Zahlt die Krankenkasse das? Gilt das als Sportunfall? Gibt es einen Club der anonymen Schrumpfschniedel?

Ich habe das Handtuch umgeschlungen, als Mona ins Bad kommt. "Naaa, wo ist denn mein kleiner Achim?", sagt sie kess und durchsucht mit routinierten Griffen die Frotteefalten. "Da isser ja", sagt sie froh. Offenbar keine Auffälligkeiten. Puuhh, Glück gehabt. Ich werde über kurz oder lang auf die Sprintdistanz umstellen.

spiegel  

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