Ach du dickes Ei

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eröffnet am: 18.04.03 20:30 von: Nassie Anzahl Beiträge: 1
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15990 Postings, 6760 Tage NassieAch du dickes Ei

Ach du dickes Wunderding!
So simpel das Ei erscheint, so erstaunlich sind Geometrie, Festigkeit und Nährstoffinhalte
von Brigitte Röthlein

 
Wunderwerk Ei
Foto: AP    
Berlin -  Um es gleich vorweg zu sagen: Dass Osterhasen farbige Eier legen, ist ein Gerücht, das jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehrt. Es gibt jedoch chilenische Hühner, die blaue und grüne Eier produzieren. Unsere einheimischen Haushühner arbeiten schlichter: Sie begnügen sich mit weißen oder hellbraunen Eiern. Wobei die braune Variante oft als die gesündere angesehen wird. Doch das ist falsch, denn innen sind beide Eier gleich.


Ein Hühnerei wiegt durchschnittlich 60 Gramm, kostet etwa 25 Cent und ist der Deutschen liebster Snack: 18,4 Milliarden Eier wurden von ihnen im Jahr 2002 verzehrt. Und obwohl Legebatterien und Hühnerfarmen die Produktion der Eier automatisiert und industrialisiert haben, entsteht jedes Ei immer noch - man glaubt es kaum - im Bauch eines Huhns. Rund 4000 Eizellen sind dort angelegt, aus denen theoretisch ebenso viele Eier werden können. In der Praxis entwickeln sich aber höchstens 1500 davon.


Seit Peter Igelhoffs Fünfziger-Jahre-Schlager "Ich wollt, ich wär' ein Huhn" weiß man, dass eine gute Legehenne jeden Tag ein Ei legt, und das geht so: 22 Stunden dauert es, bis aus dem Dottersack, der in ihrer Bauchhöhle angelegt ist, ein fertiges Ei wird, mit Eiweiß, Hagelschnüren zur Befestigung des Dotters, Häutchen und Schale. Wie auf einem Förderband bewegt sich das Ei dabei auf spiralförmigen Wegen durch das Innere der Henne; rund 80 Zentimeter lang ist der Weg, den es dabei zurücklegt.


Manchmal gibt es Unregelmäßigkeiten: So kann es geschehen, dass zwei Dotterkugeln auf einmal durchrutschen, auf diese Weise entstehen die sagenhaften Eier mit zwei Dottern. Umgekehrt passiert es nervösen Hühnern manchmal, dass sie Eiweiß produzieren, obwohl gar kein Dotter im Anmarsch war - daraus entstehen dann die so genannten Spareier. Auch Eier mit zwei Schalen übereinander - sozusagen als Ei im Ei - wurden schon gefunden.


Windeier hingegen sind Eier ohne Schale. Diese ist ein besonderes Kunstwerk: Sie ist von etwa 7600 feinsten Kanälen für den Gasaustausch durchzogen; das wachsende Küken benötigt schließlich Sauerstoff von außen. Obwohl die Schale nur einen Drittel Millimeter dünn ist, hat sie eine erstaunliche Festigkeit. Man kann ein Ei nicht mit einer Hand zerdrücken, wenn man es an den beiden Spitzen anfasst. Dazu wären nämlich bei einem gesunden Ei mindestens drei Kilopond Kraft nötig. Richtig feste Eier halten sogar ein Gewicht von sieben Kilo zwischen den beiden Enden aus!


Es ist schon gut, dass die Eierschale so stabil ist, sonst würde sicher manches Ei beim Legen kaputtgehen. Eierfachleute, also Oologen, streiten sich bis heute über das weltbewegende Problem, ob ein Ei mit dem spitzen oder dem stumpfen Ende voran geboren wird. Hühner wurden dazu systematisch beobachtet, durchleuchtet, vermessen. Heute gilt als gesichert, dass etwa 70 Prozent aller Hühnereier mit dem spitzen Ende voran gelegt werden.


Überhaupt die Form! Ein Ei ist zwar ein sehr regelmäßiges Gebilde, aber es hat nur eine einzige Symmetrieachse, nämlich die Linie, die das spitze mit dem stumpfen Ende verbindet. Und obwohl die Eiform in Malerei und Architektur immer als besonders harmonische und schöne Gestalt angesehen und gern verwendet wurde, ist sie geometrisch ausgesprochen schwer zu beschreiben und zu konstruieren. Was besondere Schwierigkeiten macht, ist vor allem die Tatsache, dass jedes Ei zwei unterschiedliche Enden hat.


Die länglich-ovale Form, so vermuten viele Oologen aus nahe liegenden Gründen, hat die Natur wegen der großen Stabilität gewählt. Baumeister aller Epochen haben diese lang gezogene Form aus dem gleichen Grund immer wieder für Kuppeln und Spitzbögen verwendet. Verhaltensforscher hingegen glauben, dass sich die Form mit zwei unterschiedlich gerundeten Wölbungen deshalb durchgesetzt hat, weil sie verhindert, dass das Ei wegrollen kann. Es dreht sich einfach nur im Kreis. Besonders Vögel, die kein richtiges Nest bauen, etwa die Trottellumme, können von dieser Tatsache profitieren.


Egal, wie und warum die Form zu Stande gekommen ist, ein Hühnerei ist und bleibt ein rechtes Wunderwerk. Von den gut 100 chemischen Elementen wurden bisher 35 im Ei nachgewiesen, eine beachtliche Versammlung auf kleinstem Raum. Hier findet man nicht nur den lebenswichtigen Phosphor in verdaulicher Form, sondern auch alle Vitamine außer dem Vitamin C. Und obwohl fast drei Viertel des Eis aus Wasser bestehen, stecken in ihm durchschnittlich 77 Kilokalorien Nährwert.


Die geballte Energie ist nötig, weil ein Ei ja eigentlich nicht zur Ernährung des Menschen dient, sondern dazu, ein Küken hervorzubringen. Und dieses ist bis zum Ausschlüpfen völlig von den Vorräten im Inneren des Eis abhängig. Alles, was es zu seiner Entwicklung braucht, für Knochen, Haut, Muskeln, Federn und Schnabel, muss hier vorhanden sein. Vogeleier sind damit gleichzeitig die größten Einzelzellen im Tierreich.


 

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