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eröffnet am: 28.02.03 13:44 von: vega2000 Anzahl Beiträge: 1
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28.02.03 13:44

Clubmitglied, 44389 Postings, 7324 Tage vega20004 Stunden

Es ist dunkel. Die Laternen erhellen nur unzureichend die Strasse vor mir und ich bin mir nicht sicher, ob es regnet, oder ob die Tränen mir nur die Illusion vermitteln. Ich schaue in den wolkenverhangenen Himmel, aber ich spüre keine Tropfen auf meinem Gesicht. Nicht, dass ich noch viel spüren kann. Während ich mich bücke, um etwas aufzuheben, erinnert mich ein auflodernder Schmerz an das Ereignis vor 4 Stunden, das soviel verändert, zerstört hat. Vier Stunden! Für mich die Dauer eines ganzen Lebens.

Er war so anders, so wütend. Entlassen habe man ihn, nach all den Jahren. Einfach so! Es war nicht das erstemal, dass er seinen Ärger an mir ausließ, aber diesmal machte es ihm Spaß. Und diesmal bereute er nicht! Im Gegenteil. Er lachte, als er die Wohnung verließ. Lachte, obwohl ich blutend am Boden lag, unfähig mich zu rühren, darauf bedacht, dem Schmerz keinen neuen Brennstoff zu liefern.

In Gedanken versunken laufe ich die Strasse weiter entlang. Mein Gesicht scheint so hart wie der Asphalt unter mir und das knirschende Geräusch, das ich beim Gehen erzeuge, könnte genauso gut mein Herz sein. Ein weiteres Teil liegt vor mir und ich nehme es auf. "Wie kann man nur so viel verlieren?" denke ich, während ich es verstaue. Mein Blick fällt auf meine Hände und ich zucke zusammen.

Er band meine Hände mit seinem Gürtel fest. Der Gürtel, der noch vor wenigen Sekunden ein Souvenir in meinem Gesicht hinterlassen hatte, und nun schmerzhaft in meine Handgelenke schnitt. Das machte es ihm leichter, in dieses zappelnde Bündel unter ihm einzudringen. Eindringen! Nie erschien mir das Wort für diesen Akt passender! Wer unerwünscht ist, dringt ein, reißt auf, macht kaputt!

Und noch eins. So langsam füllt sich der große blaue Müllsack. Etwas anderes habe ich nicht finden können, aber das ist schon gut so. Ich hätte vermeiden können, dass sich alles auf der Strasse verteilt. Was, wenn jemand Fremdes ein wichtiges Stück vor mir findet? Ich schaue mich um, aber um diese Zeit ist die Strasse menschenleer. Das ist schließlich ein Industriegebiet, da bleiben selbst Schreie ungehört.

Ich schrie! Immer und immer wieder, bis er seine Strümpfe auszog und sie mir zusammengerollt in den Mund stopfte. "Halt endlich dein unnutzes Loch, Du Schlampe! Es hilft Dir sowieso nicht." Und wie recht er hatte. Schreie waren in diesem Wohnhaus an der Tagesordnung und es hörte wirklich niemand mehr hin. Das Feuer meiner Gegenwehr brannte sowieso nur noch ganz schwach und ich wusste, es würde bald erlöschen. Ich versuchte gedanklich an einen anderen Ort zu fliehen, meinen Geist abzuschalten und nur meinen Körper als Spielball für das Böse zu hinterlassen.

In einem schützendem Automatismus erledige ich gewissenhaft meinen Job. Ich konnte es noch nie leiden, wenn Leute einfach so ihren Müll auf die Strasse werfen. So bin ich nicht, daher sammele ich weiter das verstreute Zeug auf. Eine fast normale Arbeit in einer unnormalen Welt. Nichts wird wieder so sein, wie es war. Niemals! Neue Tränen laufen meine Wangen hinab und so übersehe ich fast ein Teil . Aber es glänzt im Mondschein oder durch den Film meiner Tränen.

Seine Augen glänzten fiebrig. Aus irgendeinem Grund sah ich jedes Detail mit einer unglaublichen Schärfe. Ich erinnerte mich daran, irgendwo gelesen zu haben, dass in Extremsituationen ein Überschuss an Adrenalin produziert wird, der solche Wirkungen hervorruft. Darauf hätte ich verzichten können. Wo blieb die erlösende Ohnmacht? Oder warum holte mich der Wecker nicht aus diesem Albtraum? Ein tierhaftes Grunzen zeigte mir, dass der Wahnsinn bald ein Ende haben würde. Aber was kam danach? Davor hatte ich noch mehr Angst.

An dieser Stelle ist viel Kleinkram auf dem Boden. Hier alles einzusammeln dauert fast so lange, wie die bereits zurückgelegte Strecke. Aber das zeigt mir, dass ich fast am Ende bin. Mein Zeitgefühl ist mir vollständig abhanden gekommen und anstatt in der Polizeistation zu sitzen, mache ich diese Scheißarbeit, die sonst irgend Jemand, den ich nicht kenne, erledigen würde. Aber ich will den Kram ja haben. Ihn aufheben! Warum? Ich weiß es nicht mehr, vielleicht fällt es mir später wieder ein.

Später! Später rief ich ihn an. Er klang ganz normal, als ob nichts gewesen sei. Ich müsse mit ihm darüber reden, sagte ich. Wie es mir ginge, fragte er. "Ganz gut", log ich. Nur nichts anmerken lassen. Ich schlug als Treffpunkt sein Büro vor. Er willigte ein, schließlich müsse er sowieso noch eine Akte holen. Ich wartete im Auto auf ihn. Er kam an die Fahrertür und grinste wie ein kleiner Junge, der weiß, dass er etwas angestellt hat. "Steig ein!" sagte ich. Der Motor lief. Er ging um das Auto und als er direkt vor der Motorhaube war, gab ich Vollgas. Seine Augen hatten einen erstaunten Ausdruck, während seine Lippen noch immer lächelten. Er verschwand unter meinem Jeep und mein Blick verließ den Rückspiegel kein einziges Mal. Er musste sich wohl verheddert haben, denn es lösten sich nur nach und nach die Körperteile. Ich fuhr fast zwei Kilometer, bis ich anhielt und einen Moment durchatmete. Dann holte ich den Sack aus dem Kofferraum und begab mich zu Fuß auf den Rückweg. Ihn dabei Teil für Teil aufsammelnd.

Als Letztes finde ich seinen Kopf. Dieser muss also zuallererst von seinem Rumpf getrennt worden sein. "Das war einmal zuviel, mein Lieber!" sage ich zu seinen toten Augen. "Einmal zuviel!". Die Strasse ist nun fast wieder so wie vorher, nur die Blutspuren verunzieren den grauen Asphalt. Doch der Himmel ist auf meiner Seite, denn plötzlich berührt mich etwas an der Wange. Ich schaue aufwärts in die dunkle Nacht und der einsetzende heftige Regen wäscht die Tränen aus meinem Gesicht und das Blut von der Strasse! Es fühlt sich fremd an, jungfräulich. Aber nicht der Regen,

das Lächeln.

"Demütigungen sind schlimmer als Schmerzen."
Aus dem Talmud


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